Warum dieses Buch

Von Weltverbesserern und Menschenentwicklern –
Boris Grundl über sein neues Buch

Diktatur der Gutmenschen? Wie kommt jemand darauf, so ein Buch zu schreiben?

Ich will Ihnen das beantworten: In meiner Arbeit als Trainer und Coach hatte ich in den letzten zehn Jahren das Privileg, mit weit über 1000 Menschen, insbesondere Führungskräften, intensiver zu arbeiten. Das bedeutet, jeden Menschen, der da vor mir sitzt, als Ganzes wahrzunehmen: privat und beruflich, mit seinen Schatten der Vergangenheit und seinen Zukunftsträumen, mit seinen Sorgen und Ängsten, seinen Talenten, Stärken und Schwächen. Nur wenn sich die Menschen öffnen, finden Sie den wirkungsvollsten Hebel für tiefgreifende Veränderungen. Diese gelingen nur, wenn diese Menschen mir vertrauen. Dank ihrer Offenheit durfte ich sehr viel über die Menschen lernen, ihre Rollen verstehen, hinter ihre Masken schauen. In zehn Jahren erlebt man viel. Mir ist da folgendes aufgefallen: Wenn es um das Thema „Menschen entwickeln“ geht, für Führungskräfte DAS zentrale Thema, gibt es zwei große Unterschiede in den persönlichen Motiven. Ich nenne Sie den „Gutmenschen“ und den „Menschenentwickler“.

Der Gutmensch – Einige Beispiele

Der Gutmensch lässt sich am besten mit einem Zitat von Kurt Tucholsky beschreiben: „Das Gegenteil von Gut ist nicht Böse, sondern gut gemeint.“

Da ist zum Beispiel die ehrgeizige Führungskraft, die durch harte Arbeit in diese verantwortliche Position gekommen ist. Sie hat alles an sich gezogen und glänzt mit Spitzenleistung. Jetzt würde es eigentlich darum gehen, dafür zu sorgen, dass sich andere entwickeln. Doch da steht der eigene Ehrgeiz im Wege. Natürlich will die Führungskraft auch in Zukunft im Mittelpunkt stehen. Es geht ja gerade beim „Ehrgeiz“ um den „Geiz an Ehre“. Doch was ist die Wirkung? Die Mitarbeiter werden schwach und klein gehalten, damit die Führungskraft selbst größer erscheint. So züchtet man Bewunderungsgartenzwerge.

Da sind die fürsorglichen Eltern, die alles für ihr Kind tun und es dadurch in Watte packen. Alles wird dem Kind erleichtert, weil das Leben später noch hart genug sein wird. Gut gemeint! Die Wirkung? Es entsteht ein unselbstständiger Mensch, der zuerst seine Eltern und später die Kollegen, den Chef, die Firma, die Gesellschaft, den Staat, die Globalisierung und Gott und die Welt für sein Glück und Unglück verantwortlich macht. Was haben die Eltern davon? Wer schwache Kinder hat ist nie allein – in diesem Spruch steckt das ganze Motiv, mit all der unbewussten Angst und all dem verborgenen Egoismus der Eltern.

Wichtig ist nicht, wie etwas gemeint ist, sondern zu was es führt

Natürlich muss immer unterschieden werden zwischen Menschen, die dies absichtlich und bewusst machen und jenen, die nicht mitbekommen, dass sie von unbewussten Motiven geführt werden. Die wahren Motive werden jedoch leicht entlarvt. Sie zeigen sich nicht in den Absichtserklärungen, sondern in der Wirkung.

Da gibt es den engagierten Personalentwickler, der natürlich ein Interesse an der Entwicklung seiner Mitarbeiter hat. Aber nur sekundär. Primär möchte er im Unternehmen beliebt sein und gut dastehen. Er möchte zuerst seinen Status gesichert wissen, bevor er sich um die Entwicklung seiner Mitarbeiter kümmert. Darauf hat sich auch der Markt der Weiterbildung eingestellt. Gerade Trainer sollten die Entwicklung der Menschen in den Mittelpunkt stellen. Aber was ist die Realität? Viel zu viele wollen vor allem beliebt sein und liefern dann gut gemeinte Kuschelkurse ab. Ein Verrat an ihrer eigentlichen Mission.

Da sind die überforderten Lehrer und Erzieher. Von ihnen wird verlangt, dass sie die Erziehungsmängel der modernen Familie auffangen und die Kinder und Jugendlichen auf die Berufswelt vorbereiten. Diesem Druck kaum gewachsen, wählen sie die Rolle des Kumpeltyps. Sie wollen ihre Schutzbefohlenen über Nähe entwickeln. Dabei behandeln sie ihre Anvertrauten nicht so, wie diese es brauchen, sondern so, wie es ihnen angenehm ist. Da sie selbst gemocht und gebraucht werden wollen, laufen sie in diese Gefühlsfalle von zu viel Nähe und bluten emotional aus.

Und da ist der machtbewusste Politiker. Er braucht Stimmen und gute Stimmung, um in ein Amt gewählt zu werden. Darum signalisiert er: „Wähl mich! Du brauchst dich nicht weiterentwickeln, dich nicht anstrengen, dich nicht verändern. Du musst nur mich wählen. Ich bringe alles für dich Ordnung. Die anderen, die müssen was ändern. Die sind das Problem. Und ich bin da, um es für dich in Ordnung zu bringen.“ Etwas überspitzt dargestellt, aber er redet dem Volke nach dem Mund, um gewählt zu werden und punktet mit Absichtserklärungen. So bleibt alles beim Alten, aber um Veränderung geht es ja auch nicht. Es geht um die Stimmen.

Fazit: Der Gutmensch hält andere schwach, um sich selbst zu stärken

Anhand solcher Beispiele wird klar: Dieses Prinzip wiederholt sich wieder und wieder. Die Gutmenschen befriedigen vordergründig die Motive der Vielen, um in Wahrheit eigene Motive zu befriedigen. Das Ergebnis: Kinder, Schüler, Angestellte, Wähler usw. werden systematisch schwach gehalten und zur Abhängigkeit dressiert. Die Gutmenschen verkaufen sich als Altruisten und selbstaufopfernde Humanisten. Sie verpacken das so geschickt, dass sie es sogar selbst irgendwann glauben. Aber unter der Verpackung steckt der Egoist.

Der Menschenentwickler – Es geht darum, Menschen zu fordern

Auf der andern Seite gibt es den Menschenentwickler. Sein wichtigstes Anliegen ist es, Menschen stark zu machen. Er schafft es immer mehr, sich selbst zurückzunehmen. Er weiß: Andere entwickeln bedeutet nicht, diese so zu behandeln, wie sie es gerne hätten oder wie es dem „Entwickler“ angenehm wäre. Es bedeutet, andere so zu behandeln, dass sie sich entwickeln. Meistens ist der Menschenentwickler gar nicht beliebt. Er ist schließlich reichlich unbequem. Anerkennung bekommt er selten sofort. Aber darum geht es ihm auch gar nicht. Er stellt sich und seine egoistischen Motive in den Hintergrund. Er erfreut sich am Wachstum anderer. Er nimmt sich selbst nicht so ernst. Er weiß um seine Eitelkeiten. Er weiß um seine Motive wie „gebraucht werden“, „geliebt werden“, „vor anderen gut dastehen“ oder seine „Sucht nach Harmonie“. Dennoch nimmt er sich – im Dienst der Sache – zurück.

Unsere Zukunft braucht starke, selbstbewusste Menschen

Dieses Buch deckt auf, mit welch cleveren Strategien und Absichtserklärungen die Gutmenschen und Weltverbesserer Menschen systematisch klein halten. Dabei müssen wir aus vielerlei Gründen die Entwicklung von Menschen wahrhaftig in den Mittelpunkt stellen. Denn die Zukunft unseres Landes liegt auf den Feldern der Innovation, Kreativität, Hochtechnologie und des Ideenreichtums. Dazu braucht es starke, selbstbewusste Menschen. Von der Erziehung über Schule,  Berufsausbildung und das Studium bis zum Arbeitsplatz. Hier geht es nicht um ein „Kann“, sondern um ein „Muss“. Deswegen müssen sich eine verantwortliche Politik, ein verantwortungsvoller Chef, eine verantwortungsvolle Lehrerin oder verantwortungsbewusste Eltern diesem Ziel verpflichten.

Wie machen wir Menschen stark? – Es geht um unsere Führungsverantwortung

Mich dem Buch möchte ich zu diesem ganz entscheidenden Thema mit diesem Buch einen Standpunkt einnehmen. Es geht nicht darum, ob alles, was ich behaupte, richtig ist. Es geht darum, eine Diskussion anzustoßen. Sind wir auf dem richtigen Weg in die Zukunft? Was muss passieren, damit Menschen systematisch stark gemacht statt systematisch geschwächt werden? Wo stehen wir uns selbst im Weg?

Ich glaube nicht an den schwachen, schutzbedürftigen Menschen. Natürlich sind Menschen auch bisweilen schwach und schutzbedürftig. Vor allem Kinder oder Erwachsene in schicksalsbeladenen Lebensphasen. Dort ist echte Hilfe notwendig. So lange wie nötig, aber auch so kurz wie möglich!

Ich glaube vielmehr, dass Menschen starke, selbstbestimmte Wesen sind. Menschen können eine eigene Meinung und einen eigenständigen Charakter entwickeln. Jeder nach seinen Möglichkeiten. Trotzdem wissen sie, dass sie nicht unfehlbar sind. Sie stellen ihre Stärke in den Dienst der Gemeinschaft und fordern andere dazu auf, der Beste zu werden, der man sein kann. So sind Menschen, wenn man sie fordert und fördert. Wenn man sie nicht klein hält mit den perfiden Mitteln der Gutmenschen und Weltverbesserer. Die Voraussetzung ist, dass sie dementsprechend geführt werden. Es geht um das, woran es stark mangelt: Um gelebte Führungsverantwortung.